Charly erzählt - Er blickt heute (2000) auf ca. 30 Jahre Bühnenerfahrung als Bassmann zurück

 Gedanken über JESSICA 

Seit Jahren ist es in Seesen wie eigentlich überall im Krautrockland um die Rockszene nicht schlecht bestellt. Zahlreiche Bands sind in den verschiedenen Stilrichtungen präsent. Erstaunlicherweise sind die meisten Bands in der "Smalltown" Seesen eher traditionell ausgerichtet und heben sich wohltuend vom sonst angesagten Crossover und Trash ab.

Mit vollem Recht werden Insider an dieser Stelle auf den prägenden Einfluß von "NON PESOS" verweisen. Schließlich kennt man sie auch überregional mit unverändertem Stil seit Mitte der Achtziger. Mit Sicherheit hat hier eine Befruchtung der Nachwuchsmucker durch die Jungs von der "Band ohne Kohle" stattgefunden.

Bleibt festzustellen, daß "NON PESOS" vielleicht weil sie fast schon halsstarrig ihren Stil überzeugend durchzogen und nie einem Trend folgten, als einzige Seesener Band in den achtziger und neunziger Jahren Kultstatus erreichten.

Doch drehen wir das Rad der Zeit mal ca. 35 Jahre zurück und betrachten die Szene in den wilden Sechzigern. Die Zeit als es erstmalig mehr Beatbands als Gesangvereine gab. Fans der älteren Generation (jene, die sich Sonntagnachmittag im Gemeindehaus zu Kaffee und Kuchen treffen, sind hier nicht gemeint), werden sich gern an die "CHEERIOS" erinnern, eine Kapelle, die instrumental wie auch mit mehrstimmigen Gesang weit und breit die Sääle der Provinz beherrschte.

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Doch dann kam die Wende, Discotheken schossen wie Pilze aus dem Boden und somit gingen den Provinzbands die Auftrittsmöglichkeiten fast völlig verloren. Viele Bands lösten sich auf und die Siebziger wurden zum schwierigsten Jahrzehnt der Rockmusikgeschichte überhaupt. Die Unentwegten, die immer noch Bock auf Rock hatten und nicht, wie viele andere auf Tanzmusik umsatteln wollten, waren wirklich nicht zu beneiden. Das Publikum wurde auch in der Provinz immer anspruchsvoller, gutes Equipment war fast unbezahlbar und bei den wenigen Auftrittsmöglichkeiten gab es kaum Kohle. Ziemlich frustriert gaben die meisten irgendwann auf.

Doch nicht die Seesener Kultband der Siebziger "JESSICA". Sie hatten das nötige Stehvermögen, investierten viel Geld, Zeit und Arbeit und so brachten es die vier Vollblutmucker (drei von ihnen sind übrigens immer noch aktiv) zu beachtlichen Erfolgen. Obwohl auch die Karriere dieser für die damalige Zeit genialen Band viel zu früh zu Ende ging, ist sie es wert hier einmal ausführlich vorgestellt zu werden.

Also genug der Vorrede, kommen wir nun endlich zur Sache, zunächst zur Entstehungsgeschichte von "JESSICA". Bezeichnend für die siebziger Jahre waren die Gründungsumstände.

Zum einen die Auflösung der recht erfolgreichen Seesener Coverband "OVERDRIVE". Da in der damaligen Szene das Covern inzwischen regelrecht verpönt war und man trotz Umbesetzungen mit eigenen Stücken in den Startlöchern stecken blieb, standen Gitarrist Rolli Köhne und Bassist Charly Junge plötzlich mit langen Gesichtern alleine da.

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Zum anderen machte der Drummer von "JON", Joe Linkert, ein ebenso langes Gesicht, wenn auch aus völlig gegenteiligen Gründen. "JON" war dermaßen kreativ, daß man sich mit unzähligen guten Ideen immer mehr verzettelte und der Machtkampf zwischen den Gitarristen Hans-Werner Mittendorf und Ringo Bachmann das Erreichen der hoch gesteckten Ziele unmöglich machte.

Nachdem man sich bei einigen Sessions bereits beschnuppert hatte, waren die Gesichter plötzlich gar nicht mehr lang und "JESSICA" wurde, zunächst als Trio, aus der Taufe gehoben.

Die Chemie zwischen den drei Seesenern war einfach traumhaft. Bereits nach einigen Monaten im Übungsraum wurde die Szene aufmerksam, so daß an Üben ohne Publikum nicht mehr zu denken war. Sie waren sich trotz aller Euphorie bewußt, daß sie mit der Chance aus "JESSICA" eine richtig geile Band zu formen behutsam umgehen mußten. Als dann Anfang 1976 der Gitarrist Klaus Stute aus Braunschweig zur Band stieß, gab es kein Halten mehr und die musikalische Entwicklung gewann nochmals erheblich an Auftrieb.

Mit einem glücklichen Händchen hielt man stets die richtige Balance zwischen Kreativität und der nötigen Geradlinigkeit in den einzelnen Stücken, wenn auch in einigen Songs für heutige Verhältnisse Ideen für eine ganze LP verarbeitet wurden. Das gesamte Programm war wie aus einem Guß und das in einem wirklich eigenständigen Stil, der vielleicht irgendwo zwischen Wishbone Ash und Pink Floyd lag, allerdings ohne dort abgekupfert zu haben.

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Ein echter Kracher war dann der erste Auftritt beim Seesener Sommerfest 1976. Hiermit begann eine Serie von sehr erfolgreichen Gigs, ab 1977 gemanagt von der MOO (Musik Organisation Osterode). Echte Highlights gab es beim Braunschweiger Altstadtfest und bei der Rocknacht in Förste, wo jeweils tausend Fans aus dem Häuschen waren. In Seesen war man Topact zahlloser Veranstaltungen. "JESSICA" war zum unumstrittenem Abräumer im gesamten südniedersächsischen Bereich avanciert und wurde selbst von der damals recht kritischen Presse sehr verwöhnt.

Von Anfang an hatte die Band eine eigene erstklassige PA, die im eigenen LKW transportiert und von einer zuverlässigen Roadcrew aufgebaut wurde. Herr der Knöpfe am Mischpult war Thommy Wollenweber, die Zuverlässigkeit in Person, zudem mit gutem Gehöhr und sehr viel Feingefühl ausgestattet.

Einige Songs von "JESSICA" wurden schon mal bei NDR2 gespielt, für eine Amateurband in den siebziger Jahren schlichtweg eine Sensation. Der Sprung aus der Provinz stand unmittelbar bevor, es gab bereits Kontakte zu Veranstaltern in Hannover und Hamburg.

Trotzdem brach diese äußerst vielversprechende Gruppe, die tatsächlich noch zu einer weiteren Steigerung ihrer Kariere fähig gewesen wäre, Anfang 1979 sang- und klanglos auseinander. Gerade weil Band und Roadcrew auch neben der Musik intensive Kontakte pflegten, ist es um so bedauernswerter, daß die Umstände einer beruflichen Veränderung von Gitarrist Rolli Köhne zu einer Krise führte, die von der Band nicht bewältigt wurde. Die Bandmitglieder verloren sich aus den Augen, bis auf Rolli und Charly, die weiter locker Kontakt hielten.

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An dieser Stelle könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, ist sie aber erfreulicherweise nicht.

Schauen wir mal, was in den vergangenen zwanzig Jahren alles passierte! Im Gegensatz zu Joe Linkert, der nicht lange trauerte und sich bald bei "NON PESOS" hinters Schlagzeug setzte, lebten Rolli Köhne und Charly Junge musikalisch zehn Jahre lang völlig abstinent. 1989 war es auch bei Charly wieder soweit. Der Bassgitarrenbazillus, den er er zur Bedeutungslosigkeit verkommen lassen hatte, fraß sich in seinem "Bassist in Rente-Hirn" plötzlich wieder ganz nach vorn. Er heuerte bei "VIRGINIA" an und ließ wie früher mit mächtigem Druck bei den Gitarristen die Hosenbeine flattern. Nachdem Uwe (Doc) Niemann aus beruflichen Gründen die Klampfe schweren Herzens in die Ecke stellen mußte, fuhr Charly kurzerhand in Rollis Domizil CHECKPOINT HOHE WARTE bei Alfeld und pflanzte den Rockerbazillus direkt in Rollis vorderste Hirnwindungen. Und schon war die eine Hälfte von"JESSICA" wieder beieinander.

Gemeinsam mit Stefan Bertram spielten sie nach erfolgtem Umzug nach Hohe Warte einige Jahre unter verschiedenen Namen und verschlissen dabei nicht weniger als acht Schlagzeuger.

Gehandicapt aber keineswegs entmutigt, waren jedoch zwei hochgelobte Auftritte an der Hindenburg und in Kirchberg mit Martin Kupferschmidt am Schlagzeug unter dem Namen "QUEENSGARDEN" das einzig Bemerkenswerte was sie in den ganzen Jahren zu Stande brachten.

Nachdem Martin Kupferschmidt zusehends das soziale Gewissen plagte, begann er eine Krankenpflegeausbildung und konnte leider erst nach dem Wechsel von "QUEENSGARDEN" zur Freiwilligen Feuerwehr Seesen völlig ohne Gewissenskonflikte weiterleben.

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Jetzt gab es nur noch einen Kandidaten, der das leidige Schlagzeugerproblem endgültig lösen konnte: Joe Linkert!!! Ganz leichte Verschleißerscheinungen bei "NON PESOS" machten ihm die Entscheidung leichter, zuzustimmen. Damit war die alte Jessicabesetzung fast schon wieder komplett.

Beste Voraussetzungen um mal wieder richtig durchzustarten, doch bei Stefan Bertram war der Akku inzwischen leer. Ständig mit neuen Drummern von vorn zu beginnen, das hatte ihn ausgepowert. Wat nu? Aufhören? Nix da! Dafür steckte zu viel Energie und Kohle in diesem Projekt. Das gesamte Equipment nur vom Feinsten, der Übungsraum top ausgestattet, und Rolli hatte gerade ein komplettes Tonstudio eingerichtet, das alles verstauben lassen kam nicht in Frage.

Doch was machen drei alte Fahrensleute mit ungebremsten Tatendrang und einer Menge an gutem Songmaterial, geschrieben für Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren, wenn sie nur einen Gitarristen an Bord haben? Logo, sie suchen den Horizont ab um sich den richtigen Mann ins Boot zu holen. Und das war dann kein geringerer als der alte Haudegen "Stringbender" Eberhard Willeke. Mit ihm hatte man schließlich zu alten Jessicazeiten Tür an Tür Mucke gemacht. Nun war endlich die Mannschaft wieder komplett. Vier alte Freunde, bereit , zu neuen Ufern aufzubrechen. Kurzerhand flog noch der Name "QUEENSGARDEN" über Bord, und "JESSICA" wurde ein zweites mal aus der Taufe gehoben, womit wir endgültig in der Gegenwart sind.

Seit Sommer 1999 sind die vier Väter der "JESSICA"-Wiedergeburt mit der ganzen Kraft ihres gereiften Alters dabei, das leicht angestaubte Songmaterial zu entrümpeln und schreiben einen Kracher nach dem anderen auf ihre Playlist. Fest entschlossen, die alte Fregatte "JESSICA" mit neuen Segeln auf Kurs zu halten, werden sie im Sommer 2000 bei einigen Events vor Anker gehen.

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3/2000 R.Junge [Eine Seite zurück]